Benvenuto Cellini

Oper von Hector Berlioz

Theater Münster

Musikalische Leitung: Stefan Veselka
Bühne/Kostüme: Simon L. Holdsworth

Pressestimmen

Die Städtischen Bühnen Münster haben es nun thematisch passend zur Karnevalszeit (denn das Werk spielt zu der Zeit in Rom) gewagt, das augenzwinkernde Künstlerdrama um den Goldschmied Benvenuto Cellini neu zu inszenieren. Mit Aron Stiehl hatten sie sich dafür einen Regisseur ausgesucht, der im letzten Sommer mit Wagners »Liebesverbot« in Bayreuth und in der Oper Leipzig gezeigt hatte, wie souverän er mit trubeligen Opernstoffen umzugehen versteht. Auch in Münster wurde schnell klar, dass Stiehl in Berlioz’ Oper weniger nach zarten Untertönen sucht, sondern eher auf kräftige Effekte setzt. Das bekommt dem stilistisch und musikalisch noch recht uneinheitlichen Werk auch ausgezeichnet und überbrückt so manche nicht ganz so geniale Stelle der Partitur. Die Wohnung des päpstlichen Schatzmeisters Balducci (Bühnenbild und Kostüme: Simon Holdsworth) hat zwar einen atemberaubenden Ausblick auf dessen Arbeitsstelle im Vatikan, kommt jedoch ansonsten im muffigen Stil der Fünfzigerjahre daher, eine in die Jahre gekommene Wohnküche wird durch eine Tür vom Jugendzimmer seiner Tochter Teresa getrennt, in dem neben zwei Schuhschränken, jede Menge Pink sowie ein Klappbett die Welt des Teenagers optisch deutlich von der des Vaters abgrenzen. Der strenge Balducci ist hoffnungslos damit überfordert, das Fräulein Tochter im Zaum zu halten. Wenn die Konkurrenten um deren Gunst sich im Kühlschrank oder Klappbett verstecken und mittels Dynamitstange oder Axt vergeblich aus dem Weg zu räumen versuchen, fühlt man sich vergnüglich an die Comicabenteuer von Tom und Jerry erinnert. Der dramatische Höhepunkt findet mit dem Auftritt des Papstes statt, der Cellini vor die Wahl stellt, entweder endlich die von ihm bestellte Perseus-Statue zu gießen oder wegen des Mordes an Pompeo, den dieser im Trubel des zweiten Aktes getötet hatte, belangt zu werden. Dass bei der Uraufführung ein Papst auf der Bühne von der Zensur nicht goutiert worden war, macht man in Münster mehr als wett: Der aktuelle Papst Franziskus bringt gleich seinen Vorgänger Benedikt und Erzbischof Gänswein mit zum Atelierbesuch. Während der amtierende Heilige Vater das Abendmahl ausgibt, macht es sich Benedikt auf dem Papststuhl im Hintergrund bequem und richtet sich darauf wieder mit großer Freude ein. Auch wenn einiges etwas zu bunt, laut oder wie aus einer Klamotte daherkommt, verliert der Regisseur nie den Kontakt zum Werk und schafft es, die Gussszene der Statue zum spannenden Höhepunkt zu machen. Cellini setzt anschließend seine Teresa in den Beiwagen eines alten Motorrades und rauscht mit ihr zusammen ins Glück: Statue gut, alles gut! Zwar schiebt die Inszenierung sicher einige autobiografische Zweifel von Berlioz an seinem eigenen Künstlerleben, die er in dieser Oper zu verarbeiten gesucht hatte, mitunter etwas jovial zur Seite, doch ist ein mitreißender und in jeder Hinsicht konsequenter Zugang zu dem etwas sperrigen Werk gelungen, was sich am Ende nicht zuletzt an der ungeteilten Begeisterung des Publikums zeigte.
Opernglas, 28.2.2014

Was sich recht ernst anhört, beginnt in Münster aber sehr, sehr heiter. Schließlich spielt der erste Akt am Rosenmontag. In der Zwei-Zimmer-Wohnung des Balducci genießt dessen Tochter Teresa – derweil sie französische Phrasen tiriliert – die Aussicht auf den Petersdom, bekommt Plüschtiere durchs Fenster geworfen, schneidet Kohlrabi für den Eintopf und wachst sich die Beine, was ja bekanntlich sehr gut zu hohen Tönen passt. Wenn dann nacheinander zwei Liebhaber, Cellini und Fieramosca, durch das Fenster klettern, dann entwickelt sich auf der Bühne ein Comic Strip, der sehr deutlich an die alte Zeichentrickserie Tom und Jerry erinnert. Da wandert der eifersüchtige Fieramosca in den Küchenschränken umher. Eine Dynamitstange wird dem flirtenden Cellini in die Hand gedrückt, der wirft sie natürlich in den Kühlschrank, wo sich Fieramosca versteckt hält – bumm, kleiner Pyroeffekt – Fieramosca erscheint wieder mit leicht angeschwärztem Gesicht. Später wird Fieramosca vom Vater im Schrankbett entdeckt – natürlich im Schrank. Die herbeigerufenen Nachbarinnen – die nettesten der Feministinnen – zerren seinen Kopf auf den Esstisch und stecken ihm einen Apfel in den Mund. Im zweiten Akt findet sich Fieramosca in der Mülltonne einer versifften Kneipe wieder, auf deren Rückwand dick gesprüht steht: „Regietheater, nein danke!“ Während Cellini und seine Kumpanen an der Theke trinken und trinken, wird dezent angedeutet, was alles auf der kleinen, noch versiffteren Toilette neben der Theke passieren kann. Es ist inzwischen Veilchendienstag, Cellini plant mit seinem Lehrling Ascanio die Entführung von Teresa, Fieramosca verbündet sich mit dem Schläger Pompeo, um das gleiche zu tun. Beim Theaterspiel erreicht das Karnevalstreiben seinen Höhepunkt. Während Wagners Ring durch den Kakao gezogen wird, und die beiden Parteien anfangen, sich in die Haare zu bekommen, stirbt erst der Drache auf der Bühne, dann Pompeo im Zuschauerraum, ermordet von Cellini. Die Stimmung kippt, Aschermittwoch ist nahe. Wäre die Inszenierung von Aron Stiehl in diesem Stil weiter gegangen, hätte man sich vielleicht doch gelangweilt. Doch für einen Augenblick weiß keiner so genau, wie es weiter geht. Ascanio ist im Schockzustand. Diese Fallhöhe vom völlig Durchgedrehten runter zum schlagartig Nüchternen trifft Stiehl dann so gut, das man das Vorangegangene als Mittel zum Zweck akzeptieren kann. Immerhin dreht er das Tempo auf der Bühne auch nicht mehr so hoch. Jetzt kommt das System hinter den Künstlern richtig zum Vorschein – die Kirche. Für den bösen Seitenhieb auf die Institution holt Stiehl zwei Päpste auf die Bühne. Zum einen den Pragmatiker, der sich nur für die Kunst und ein paar Machtspiele interessiert – bei Berlioz ist damit Papst Klemens VII. gemeint. Zum anderen noch einen alten weißhaarigen Papst, der eine kleine Bayern-Flagge in der zitternden Hand hält und sich mit seinem Adjutanten über den liberalen Kollegen empört – solange bis es zum VIP-Sektempfang geht. Cellini hat es geschafft, seine Statue zu vollenden, die dargebotene Hand des anderen Papstes schlägt er aus und zieht zusammen mit Teresa auf dem Motorrad seiner Wege. Von der fast dreistündigen Spieldauer merkt man bei der Premiere so gut wie nichts. Es ist extrem kurzweilig, was Aron Stiehl und Simon Holdsworth auf die Bühne stellen.
Opernnetz, 16.2.2014

Großer Premierenerfolg für Berlioz’ Benvenuto Cellini. Standing Ovations für ein munter unterhaltendes Bühnenereignis.
Recklinghäuser Zeitung, 16.2.2014

Kurzweil mit fantastischer Musik
Hernach jedoch stößt Stiehl in Dimensionen der Sonderklasse vor, faszinierend etwa fällt das Tavernenbild aus.
Die Glocke, 18.2.2014

Dass der Papst singend in einer Boulevard-Komödie auftritt, ist schon sehr erstaunlich. Dass Regisseur Aron Stiehl mit Franziskus und Benedikt gleich zwei Päpste auf die Bühne des Großen Hauses stellt, ist der Ideen-Höhepunkt seiner Inszenierung von „Benvenuto Cellini“.
Ruhrnachrichten, 16.2.2014

…In Münsters Großem Haus werden aber bei der gefeierten Premiere von „Benvenuto Cellini“ schnell die Unterschiede klar. Nicht nur, weil Berlioz dem Publikum lange Vorgeschichten erspart. Sondern vor allem, weil sein erster Akt reine Opera buffa ist: Tenorheld Cellini könnte auch Frisör oder verkleideter Graf sein, wenn er bei Sopran-Teresa einsteigt. Die wird – natürlich! – vom Bass-Vater bewacht und vom Bariton umgarnt: Kein Wunder, dass Regisseur Aron Stiehl daraus eine Witzparade macht. Teresa, die Frau mit den Schuhschränken und den Ballerina-Bildchen, stößt ihre Koloraturen als Reaktion auf das schmerzhafte Enthaarungspflaster hervor, und zum Terzett wird aus der Biokiste gekocht. Komik als Comic. Clever ist es, wie der Regisseur im folgenden Karnevalstreiben die Bewegung der Chöre einfriert, um Einwürfe hervorzuheben.
Westfälische Nachrichten, 16.2.2014

Natürlich kriegen sich am Ende jene, die von Anfang an für einander bestimmt waren: der Florentiner mit Anarcho-Stern auf seiner Baskenmütze und die hübsche Blondine Teresa, die ihr Vater am liebsten mit einem Feuerkreis vor unliebsamen Liebhabern schützen will wie einst Wotan seine Brünnhilde. Genau diese Szene wird dem sich ach so ehrbar dünkenden Hüter über die Kirchenknete vorgespielt in Cassandros Theater im 2. Aufzug des 2. Aktes – ein putziger Regie-Einfall. Siegfried tötet einen Drachen, Teresa-Brünnhilde wird befreit. Dazu aus dem Orchestergraben Wagners Feuerzauber… man ist begeistert, nur Balducci nicht. Stiehl liefert etliche solcher Gags, lässt seiner Fantasie freien Lauf, schafft zusammen mit Bühnen- und Kostümbildner Simon Holdsworth ausgesprochen farbenfrohe Sequenzen. Die abgewrackte Kneipe, in der Benvenuto Cellini sich mit seinen Kumpels trifft, wird von Graffitis geziert und von Sprüchen wie diesem: „Regietheater nein danke“. Und das kühle Blonde, mit dem sich die Malocher stärken, wird von der ortsansässigen münsterschen Brauerei angeliefert. Ganz up to date: der Papst, der dem Titelhelden der Oper eine Frist einräumt, die seit langem bestellte Statue nun auch endlich zu liefern. Das ist Franziskus, der Bischof von Rom, der neue Papst. In Stiehls Lesart ist das nicht eben häufig inszenierte Werk vor allem eines: unterhaltend und spaßig.
NMZ, 16.2.2014

„Regietheater – Nein, danke!“ Unübersehbar prangen die Worte an der Wand einer heruntergekommenen Taverne. Sie dient Benvenuto Cellini und seinen Kumpeln als Treff, wie das Graffito dem Regisseur Aron Stiehl als Leitsatz. Am Theater Münster entfesselt er „Benvenuto Cellini“ von Hector Berlioz als opulente Opera Buffa. Es fängt gut an, dank erfrischendem Slapstick im ersten Akt. Stiehl siedelt die Handlung irgendwo in der Moderne an. Der päpstliche Schatzmeister Balducci (Plamen Hidjov) ist allerdings in der Zeit stehen geblieben und lebt in einer 50er-Jahre-Wohnung: schmutzig-braune D-C-Fix-Möbel, piefige Schmuckkacheln in der Küche und pink-psychedelische Tapeten im Jungmädchen-Zimmer seiner Tochter. Hinter Türen, Fenstern, Schranktüren vergnügen sich Liebhaber, Nebenbuhler und Geliebte beim klassischen Versteckspiel.
Come-on.de, 17.2.2014

Et que dire de la mise en scène ? Du bien, comme pour l’ensemble. Dans ce cas, il y a eu des choix, qui peuvent se défendre pour cet opéra à tiroirs, apte à susciter de multiples interprétations (c’est aussi sa richesse), dans sa veine comique et tragique, légère et profonde. Donc, le choix s’est porté sur la comédie, où les autres aspects, inhérents à la portée de l’œuvre, comme l’idéal de l’artiste créateur dans son combat contre Dieu et les hommes, la transcendance mystique de la transmutation par le feu (pour la fonte finale de la statue de Persée, lui-même tout un symbole !), se retrouvent estompés. Pourquoi pas ? Si la lecture, comme dans le cas d’Aron Stiehl, s’avère probante. Teresa accueille donc Cellini au premier tableau dans son intérieur croquignolet de midinette ; les compagnons du maître ciseleur se réunissent dans une espèce de bouge couvert de tags ; et ainsi de suite… Puisque nous sommes à notre époque, ce qui, tout bien considéré, restitue l’intemporalité du message de l’opéra. La dérision de la cour papale et de son pontife, les ouvriers fondeurs et frondeurs, avec poings levés et dégaines de révolutionnaires en chambre, sont pareillement bienvenus, en phase avec le livret sulfureux (pour son temps). D’autant que chaque intervenant se trouve en situation et bien campé. Bref, on est vite pris par le spectacle, que d’aucuns pourraient croire iconoclaste, mais qui se révèle, de fait, intelligemment et respectueusement pensé.
Concertclassic.com, 11.3.2014

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